2.900 Prozent mehr Bergfinken
Amsel regional bei minus 80 Prozent
27. Januar 2012 - Mit 102.602 Sichtungen springt der Bergfink überraschend an die Tabellenspitze: Bei der diesjährigen "Stunde der Wintervögel" am Dreikönigswochenende haben über 6.100 baden-württembergischen Vogelfreunde mehr Bergfinken gezählt als Spatzen, Amseln, Kohl- und Blaumeisen zusammen. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Plus von 2.864 Prozent. Bei der größten bundesweiten Vogelzählaktion landete der Vorjahressieger, die Kohlmeise, mit deutlichen Verlusten (minus 36 Prozent) nur auf dem dritten Rang. Zweiter hinter dem Ausnahmesieger Bergfink wurde der Haussperling - auch Spatz genannt, der sogar zulegen konnte (plus 21 Prozent).
Insgesamt beteiligten sich in Baden-Württemberg 6.173 Vogelfreunde an der "Stunde der Wintervögel 2012" (minus 4 Prozent) und meldeten 252.558 Vögel (plus 29 Prozent) aus 4.064 Gärten (minus 7 Prozent). Das sind aus Sicht des NABU sehr gute Zahlen: "Wir haben aufgrund des schlechten Wetters mit Regen und Schneematsch sowohl mit sehr viel weniger Teilnehmern als auch mit weniger gemeldeten Vögeln gerechnet. Darum sind wir mit der Beteiligung und den Ergebnissen sehr zufrieden", sagt der Vogelexperte des NABU Baden-Württemberg, Dr. Stefan Bosch.
Die Amsel: Gebietsweise massive Einbrüche

Mit großer Spannung erwarteten die NABU-Experten die Zahlen zur Amsel. Nachdem das Usutu-Virus im Sommer Experten-Schätzungen zufolge einige 100.000 Amseln getötet hat, sind die Winterbestände erwartungsgemäß stark eingebrochen. Insgesamt wurden in Baden-Württemberg 39 Prozent weniger Amseln gezählt als im Vorjahr. Am nördlichen Oberrhein, wo das Virus besonders viele Tiere getötet hat, sind die Bestände regional sogar um bis zu 80 Prozent eingebrochen (Mannheim: minus 79%). "Diese erschreckenden Zahlen sind dennoch kein Grund zur Panik", meint Vogelkundler Bosch. "Von Viren-Ausbrüchen an anderen Orten wissen wir, dass das Virus die Amselbestände zwar erheblich reduzieren kann und diese sich mitunter erst langsam wieder erholen. Dennoch wird es in den betroffenen Regionen weiterhin Amseln geben. Ich gehe davon aus, dass die Vögel rasch eine Immunität gegen das Usutu-Virus ausbilden und dem Krankheitserreger dann nur noch in kleiner Zahl zum Opfer fallen."
Der Bergfink: Masseneinflug aus dem hohen Norden

Dass der Bergfink in Baden-Württemberg insgesamt absoluter Spitzenreiter ist, hängt mit der Witterung und dem Angebot an Bucheckern und Mais zusammen, erklärt Bosch. Bergfinken verlassen ihre Brutgebiete in Russland und im Nordosten Europas, um in Mitteleuropa zu überwintern. Ihre Verbreitung wird dann maßgeblich vom Angebot an Bucheckern im Wald und Mais auf den Feldern bestimmt. "In manchen Jahren gibt es viele, in anderen keine Bergfinken bei uns", sagt der NABU-Fachmann. "Wenn sie kommen, dann meist in riesigen Schwärmen mit Millionen von Individuen." In diesem Winter scheint Baden-Württemberg wieder ein attraktives Überwinterungsgebiet zu sein. Das zeigen die Zählungen bei der "Stunde der Wintervögel" genauso wie Beobachtungen an den Schlafplätzen der Bergfinken, etwa im Schönbuch. Dort waren Anfang/Mitte Januar rund fünf Millionen Bergfinken in riesigen Schwärmen unterwegs. Die gezählten Bergfinken konzentrieren sich fast ausschließlich im südlichen Landesteil. Im Norden wurden fast gar keine Bergfinken gesichtet.
Übrige Vogelarten

Bei einigen Arten wie Buchfink, Kohl- und Blaumeise sind die Zählungen stark rückläufig. Der Grund dafür dürfte in erster Linie die milde Witterung mit Temperaturen überwiegend im Plusbereich sein. Ohne Frost und geschlossene Schneedecke besteht für die Vögel kaum Bedarf, künstliche Futterangebote in Siedlungen in Anspruch zu nehmen - und genau dort wurden die Vögel meist gezählt. "Die Zahlen bedeuten also nicht, dass die Bestände in großem Umfang zurückgegangen sind", erklärt Bosch. "Die gewohnten Vogelschwärme an Futterstellen sind zwar in diesem Jahr eher selten, die Vögel sind aber trotzdem da und einfach nur andernorts unterwegs, wo sie nicht so einfach gezählt werden konnten."


